Die Marler Zeitung über "Von Alabama bis Bilbao" :

 

Übungsstreb wird zur Studio-Bühne

HULS: Oper am GiL glänzte mit ihrer Brecht-Revue "Von Alabama bis Bilbao" im Ausbildungsstollen von Auguste Victoria

Mit "Linie l" wagte die Oper am GiL bereits 1997 den "Sprung" aus dem Theater Marl in den "Schacht 8", nun hat man den Reiz der stillgelegten Schachtanlage AV 1/2 entdeckt.

VON FRANK BERGMANNSHOFF

Wo sonst junge Auszubildende auf den Ernst des Arbeitslebens unter Tage vorbereitet werden, konnten die Premierenbesucher des neuen Projekts "Von Alabama bis Bilbao" am Sonntag abend eine nicht nur für das Schüler-Ensermble außergewöhnliche Musik-Revue erleben.

Schauplatz war ein Abschnitt des originalgetreu nachgebauten Übungsstrebs - wohl dem, der das "kleine Schwarze" der weißen Seidenbluse vorgezogen hatte. Zunächst standen auch Gesamtleiter Gerd Beckmann und Regisseur Alois Banneyer vor der kniffligen Aufgabe, Orchester, Technik, Tribüne und Spielfläche auf engstem Raum unterzubringen. Das Ergebnis war eine für 150 Zuschauer konzipierte Theateranlage mit dem intimen Charme einer Studio-Bühne; Orchester und Background-Chor fanden in einem Parallelstreb Platz.

Dreigroschenoper

Zwar glänzte das Ensemble wieder mit bewährten Darstellern, doch standen diese einer neuen Herausforderung gegenüber: Anstelle einer komplexen Handlung reihten sich Songs von Kurt Weill und Hanns Eisler zu Texten von Bertolt Brecht aneinander. Weill, einer der einfallsreichsten Erneuerer des modernen Musiktheaters, lernte den Schriftsteller 1927 kennen und schuf schließlich die Musik für dessen episches Theater. Eislers Wurzeln liegen hingegen in der kommunistischen Arbeitermusik Bewegung, die gemeinsame Schaffensphase mit Brecht begann 1930.

Zu Gehör brachte das 12köpfige Gesangsensemble überwiegend Lieder aus der "Dreigroschenoper". Dreharbeiten zu einem Film bildeten dabei zugleich Rahmenhandlung und "roten Faden".

Und was an "Substanz" fehlte, wurde durch ein einfallsreiches und hervorragend umgesetztes Spiel mit Kulissen und Requisiten ausgeglichen. So kamen nicht nur verschiedenste Kostüme zum Einsatz, auch Bergbau-Utensilien wie Lore und Schleifkorb wurden kurzerhand in die teils fetzigen, teils dramatischen Songs eingearbeitet.

Neben "Routiniers" wie Kai Dellemann, Lukas Berger, Patrick Matten und Katrin Block stellten wieder viele neue Gesichter ihr schauspielerisches Können unter Beweis." Es sind sicher einige Talente dabei, so daß uns absolut keine Nachwuchssorgen plagen", erklärte Gerd Beckmann, der sich mit der Leistung des Ensembles außerordentlich zufrieden zeigte.

Klar daß auch die begeisterten Zuschauer - unter ihnen Bürgermeister Dr. Ortlieb Fliedner und Kulturdezernent Joachim Hasselmann - nicht ohne Zugabe den Heimweg antraten.

Der nächste große Auftritt erwartet die Aktiven der Oper am GiL übrigens am 1. Mai bei der Eröffnung der Recklinghäuser Ruhrfestspiele.


Marler Zeitung, 16. März 1999


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