Die Glocke über "Anatevka" :

 

Musical in der Stadthalle wurde zum großen Ereignis

"Oper am Gil" mit berühmter "Anatevka" -Inszenierung

Gütersloh (mbe). Der Abend des dritten Veranstaltungstages der 4. Bundesbegegnung "Schulen muszieren" war der Aufführung des weltbekannten Musicals "Anatevka" nach der Erzählung "Tevje, der Milchmann" von Scholem Aleichem vorbehalten. Für die Gestaltung zeichnete die "Oper am Gil" verantwortlich, eine rund l5O köpfige Truppe - Mimen, Sänger, Instrumentalisten, "Drahtzieher" vor und hinter der Bühne, die sich zum überwiegenden Teil aus Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Loekamp/Marl zusammensetzt. Die Gesamtleitung lag in Händen von Isa Schönberg (Studiendirektorin mit den Fächern Musik und Englisch), die Regie teilte sie mit Ludger Rademacher und Andrea Schulz.

Voller Spannung erwartete das vollbesetzte Haus, die Stadthalle Gütersloh die nunmehr achte Wiederholung des Musicals durch die "Oper am Gil"; ihr Ruhm war ihr bereits vorausgeeilt, schließlich blieben die Aufführungen für den WDR, die Ruhrfestspiele und vor musikkompetenten Kritikern der Musikhochschule Detmold keineswegs ein Geheimnis.

Bereits beim szenisch-spektakulären Auftakt mit dem bekannten, doch unverändert einprägsamen Song von der "Tradition ..." sprang der zündende Funke über auf die begeisterten Zuhörer. Die hohe Qualität des Gebotenen kennzeichnete dann den gesamten ersten Akt mit seinem bunten Treiben in dörflichem Milieu, wo alles nach der Meinung des Rabbi fragt. In Wirklichkeit hat jedoch die Heiratsvermittlerin das Sagen, gilt doch auch hier in Sachen "Heiraten" Tradition als oberstes Gebot. Die Handlung dieses weltbekannten Musicals darf vorausgesetzt werden, inhaltlich die von Josef Stein bearbeitete und Sheldon Harnick und Jerry Bock in Musik gefaßte Story von Anatevka.

Steht in ihrem Mittelpunkt als zentrale Figur Tevje, der Milchmann, so war sie von der "Oper am Gil" mit Markus Krause "zentral" besetzt, mit anderen Worten wie sie besser nicht hätte besetzt sein können. Da saß einfach alles: Körpersprache und Bewegung im Tanz, die mimische Darstellung, so als sei er tatsächlich in einem jüdischen Dorf des Rußlands vor der Revolution aufgewachsen. Brilliant vorgetragen dann auch seine Lieder, mit denen er gleichermaßen verstand, sein Publikum zum Lachen zu bringen, wie schließlich auch zu Tränen zu rühren.

Stimmlich wie mimisch als ebenbürtige Partnerin an seiner Seite war Susanne Schneider als Golde. Überzeugend dann die fünf Töchter, die Gesangssoli von Ellen Mierswa und Melanie Frenzel sowie auch von Wolfram Wende (als Schneider) reflektierten geschultes Stimmvolumen. Vortrefflich besetzt des weiteren Meik Rudel als Rabbi und ganz besonders Ulrike Worth als Heirats vermittlerin. Diese Namen sind nur Beispiele aus der Vielfalt der großartigen Leistungen der gesamten Aufführung, zu deren großem Erfolg gleichermaßen die einzelnen Tanzszenen wie auch die mit viel Einfallsreichtum ausgewählte Dekoration, die phantasievollen Masken und Kostüme beitrugen. In diesem Zusammenhang sollte die Traumszene noch hervorgehoben werden, die Tevje und seine Frau im Bett erleben: Vor der wild durcheinanderwirbelnden und rufenden Volksmenge agierten nacheinander (die geradezu profihaft geschminkten) Geister vortrefflich, "gräßlich-greulich" dargestellt von Katrin Dreyer und Maria Haug.

Mehr als alles andere, als jede noch so gute mimische oder gesangliche Darbietung war die gelungene Einheit der Aufführung, die Konsequenz ihrer Durchführung zu werten. Sieht man von kleinen Schwachstellen im zweiten Akt ab, war "Anatevka" in der Gütersloher Stadthalle weit entfernt von einer sogenannten Schüleraufführung. Ausnahmslos alle Mitwirkenden trugen zu dem enormen Erfolg des Stückes bei. Selbst wenn man einraumt, daß die "Alten" (die Ehemaligen, die vor mehreren Jahren die Schule verließen), dem Ensemble treu blieben und der Aufführung ihren Glanz verliehen, so vermittelten sie durch ihr Engagement den Jüngeren jenen Schwung, den ein solches Stück braucht, um eben anzukommen.

Zu den "alten Hasen" zählte auch Ingo Hirsekorn, der sich mit seinem Violinsolo buchstäblich in die Herzen der Zuhörer spielte, er erhielt sogar Szenenapplaus. Beifall wurde zum Schluß förmlich euphorisch gespendet, deutlich wurde damit schließlich auch jener im Programm von der "Oper am Gil" zitierte Satz: "In der Freude, die wir vermitteln und selbst bei der Arbeit empfinden, sehen wir den Sinn unserer Tätigkeit.."

Die Glocke, 02.06.1987


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