Musik und Bildung über "Anatevka" :

 

Anatevka - Tradition in zweifacher Hinsicht

Jerry Bocks und Sheldon Harnicks Broadway-Welterfolg von der "Oper am GiL" aufgeführt

Nachdem im letzten Jahr das Pastoral "Acis und Galatea" von G. F. Händel über die Bühne ging, feierte die "Oper am GiL" (Gymnasium im Loekamp, Marl) mit Aufführungen des Musicals "Anatevka" in diesem Jahr ihren bisher größten Erfolg. Alle vier Vorstellungen im ausverkauften Marler Theater wurden begeistert von Publikum und Presse aufgenommen. Sogar ein Fernsehteam des WDR war bei der Premiere anwesend. Auch die weiteren Aufführungen in der Stadthalle Waltrop, sowie im Rahmen einer neuen Workshop-Reihe für Schüler in der "Neuen Aula", dem Konzertsaal der Staatlichen Hochschule für Musik- Westfalen-Lippe in Detmold, der eine Einladung des Leiters der Abteilung Schulmusik, Prof. Dr. K. H. Ehrenforth, zugrunde lag, kamen gut an.

Natürlich wurde wie in den Jahren zuvor, unter der Gesamtleitung von Studiendirektorin Ise Schönberg, Schulmusikerin am GiL, fleißig geprobt. Aufgrund der musikalischen Ohrwümier des Stückes, der spritzigen wie auch melancholisch stimmenden Szenen des unverkennbaren "jiddischen" Humors, der Beschäftigung mit der jüdischen Religlion und Tradition, sowie letztlich der unmißverständlichen Aussage war "Anatevka" von Anfang an der große Renner bei allen Beteiligten, so daß die Probenarbeit diesmal fast von allein vonstatten ging; nicht nur die Mitwirkenden bei allen fünf in Folge gestarteten Schulopern waren hingerissen.

"Eine ganz schön heikle Sache", wird sicher mancher sagen, sich mit Schülern an ein so aussagekräftiges, dabei äußerst feinsinnig aufgebautes, noch dazu überlanges Werk heranzuwagen. Zugegeben - trotz allem bewährte sich im Endeffekt wieder einmal die Tradition, die bisher gewonnene Erfahrung. War die Probenarbeit und das Zusammenwirken aller zu Beginn noch "manchmal etwas chaotisch" (Kommentar eines 13jährigen Mitwirkenden), so kam ein positives Gesamtbild zustande, welches würdig gewesen wäre, an einer größeren Bühne aufgeführt zu werden.

Außergewöhnlich waren die Leistungen des Schulorchesters, sowie die darstellerischen und sängerischen Qualitäten der Hauptdarsteller. Markus Krause (Schulmusikstudent, Detmold) als Milchmann Tevje, Melanie Frenzel (Gesangsstudentin, Hannover) als Tevjes Tochter Hodel, Wolfram Wende (Schulmusikstudent) und Tobias Schafenberg (Gesangsstudent; beide Hannover) abwechselnd in der Rolle des schüchternen Schneiders Mottel sowie auch Frank Sandmann (z.Z. Zivildienstleistender) als Revolutionär Perchik überzeugten. Hervorragend gelang auch die Choreographie des "Russentanzes in der Wirtshausszene, die von Solotänzer und -sänger Ludizer Rademacher (Chemie- und Sportstudent. Dortmund) stammte. 0hne ehemalige Schülerinnen und Schüler sowie Freunde dieses Kreises wäre die ganze Sache fast undenkbar. Dennoch: Alle anderen Haupt- und Nebenrollen waren mit Schülerinnen und Schülern besetzt, die sich nicht weniger gut bewährten.

Wie kann man als Nichtjude den unnachahmlichen Witz, die "Tradition", die einzelnen Charaktere treffen, ohne Angst haben zu müssen, etwas falsch zu machen? "Spielen Sie doch einfach ganz ungezwungen - aber bitte spielen Sie mit Herz!", lautete die einfache Antwort des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Recklinghausen, Herrn Abrahamson, der für alle Fragen von seiten der Beteiligten ein offenes Ohr hatte, und der, wie auch zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde selbst, die "Oper am GiL" tatkräftig unterstützte. Daß mit Herz gespielt wurde, bestätigte Herr Abrahamson nach der Premiere, wie auch der Vorstand der Israel-Stiftung: "Juden hätten es nicht besser machen können." Ein schöneres Kompliment konnten sich die Mitwirkenden kaum vorstellen.

Natürlich trugen Lehrer, die Schulleitung, Schüler und Ehemalige, der Förderverein, die Israel-Stiftung und die jüdische Gemeinde Recklinghausen, Freunde und Gönner sowie nicht zuletzt die Stadt Marl dazu bei, die Aufführungen gelingen zu lassen.

Nach einer Rundfunkaufnahme des WDR und der Teilnahme an der Landesbegegnung "Schulen musizieren" in Köln mit der erreichten Qualifikation für die Begegnung auf Bundesebene im nächsten Jahr darf man gespannt sein, welche schulmusikalischen Ufer die "0per am GiL" als nächste ansteuern wird.

-s-

Musik und Bildung, 09.1986


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