Die Neue Westfälische Zeitung über "Anatevka" :

 

"Kalif Storch" und "Anatevka" - zwei farbenfrohe Schulaufführungen

Mit Talent und Herzenstakt gespielt

Gütersloh.Böhnenspiele gehören zu den Festtagen des Schullebens. Die 4. Bundesbegegnung "Schulen musizieren" vermittelte farbenfrohe Eindruücke von zwei prächtigen Ensembleleistungen - einer schultypischen und einer atypischen.

Der Kinderchor der Schule am Ried, Frankfurt-Bergen-Enkheim, unter der Leitung von Katharina Mai-Kümmel sang und spielte "Kalif Storch" von Margarethe und Woffgang Jehn nach dem Märchen von Wilhelm Hauff. Die Erarbeitung dieses Singspiels mit Marionetten brachte der Schule 1981 ihr bisher nachhaltigstes Erlebnis: Die Schülerinnen und Schüler führten es in Worpswede auf, und sie sangen auch vor Rundfunkmikrofonen.

Kindgermäß sind Buch und Musik, selbstentworfen und selbstgeschneidert die Kostüme in märchenhaft orientalischer Farbenpracht, dem Aufführungsstil gemäß auch die Marionetten - gebastelt von Lehrern, geführt von Schülerinnen. Die Puppen verkörperten den Kalifen, dessen Wesir Mansor, den weisen Selim, das Storchenpaar Klapperschnabel nebst Frau Langbein und die Eule Lusa, die - vom Zauberbann erlöst - sich in ein wunderschönes Mädchen zurückverwandelte. Auf der Bühne in Person: Händler, Volk und Sklaven. Halb Bagdad zur Kalifenzeit hatten die Bergen-Enkheimer Gesamtschüler nach Gütersloh gebrach.

Das Erfolgsgeheimnis jeder Schulaufführung beruht darin, jeden dort mitwirken zu lassen, wo es seiner Persönlichkeit und er der Gemeinschaft am meisten nutzt. Das gilt für das kleine Orchester mit Orffschem Instrumentarium wie für den Chor; Statisten im engeren Sinne gab es in diesem Märchenstück nicht, das ein Lehrstück war und sein sollte, sicherlich zum Nutzen aller Mitwirkenden, vielleicht auch der Zuschauer in der Stadthalle und im Verlauf der Bundesbegegnung im Kreisgymnasium Halle und im Theater der Stadt Gütersloh.

Im Gegensatz zu dieser typischen Schulaufführung war "Anatevka", gespielt vom Ensemble "Oper am Gil" des Gymnasiums im Loekamp, Marl, eine atypische weil nahezu professionell perfekte in Musik, Spiel, Choreographie (man denke nur an den herrlich wilden Krakowiak der angeheiterten Soldaten!), Bühnenbild, Requisite und Beleuchtung. Diese "Anatevka" mit ihrem jungen virtuosen Fiedler auf dem Dach ist das Ergebnis des jahrelangen Zusammenwirkens musischer Kräfte mehrerer Disziplinen und der Erfahrungen vor Publikum auf den 800 Plätzen des Theatersaales, der viermal ausverkauft war. Außer an "Anatevka" haben die theaterbesessenen Gymnasiasten ihre Kräfte an anderen bedeutenden Bühnenwerkten gemessen.

Für den Außenstehenden besonders überraschend war die Routine. Der Zuschauer vermißte die Merkmale der Unerfahrenheit und Befangenheit, freute sich über die ruhigen und ökonomischen Bewegungen und Gesten, bewunderte das prompte Zusprechen und Zuspielen, das die kundige Regie verrät, hatte sich die Aussprache manches Mitwirkenden deutlicher gewünscht, so deutlich wie die des "Tevje"-Darsteiters, des unbestrittenen Stars der Truppe, der seine Glanzrolle ausschöpfte.

Lobenswerter noch als die technischen Dinge des Spiels ist die Behutsamkeit, mit der die jungen Leute Lebensart, Gefühle und Humor einer kleinen indischen Gemeinde im alten Rußland darstellten. Das hätten sie wohl nicht gekonnt, wären sie nicht beim Erarbeiten des elegischen Musicais mit dem Schicksal der Juden in der Diaspora vertraut gemacht worden, und hätten sich nicht gewisse Parallelen zwischen Spiel und tödlicher Wirklichkeit ergeben. Hier bewährte sich der fähige Pädagoge, der interpretierende Historiker, der sich in dieser besonderen Lage nicht damit zufriedengab, Ereignisse objektivierend abzuhandeln.

Der Zuschauer spürt, und mancher wird es dankbar vermerkt haben, daß diese "Anatevka" mit Taktgefühl und warmherziger Zuneigung den Juden gegenüber gespielt wurde. Das gilt für die gewinnende Darstellung aller handelnden Personen wie für die ostjüdische Lebensart, wie Außenstehende sie sich vorzustellen und nachzuempfinden versuchen. Liebe zu Einzelheiten und Feinheiten zeugt vom Engagement ans Bühnenspiel; manches hätten "alte Theaterhasen" nicht besser gekonnt!

Die Aufführung ruhte auf dem Klangfundament des von Ise Schönberg souverän geleiteten Orchesters, das für die sichere Führung mit Aufmerksamkeit bei den Einsätzen dankte. Der Zuhörer hörte nicht am Spiel, daß zum Teil sehr junge Musiker an den Pulten saßen. Hier scheint sich das im Ensemble erworbene Wissen und Können von einer Schülergeneration zur nächsten zu vererben; es bleibt trotz personellen Wechsels ein Fundus, auf den sich die Verantwortlichen stützen können. Der Beifall war überschwenglich aber wohlverdient.

-oe-

Neue Westfälische Zeitung, 01.06.1987


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