Die Neue Westfälische Zeitung über "Anatevka" :

 

Schulen musizieren und sangen sich in die Herzen der Zuhörer

Festlicher Ausklang am Sonntag vor Ohren des Ministers Schwerin

Gütersloh.Die 4. Bundesbegegnung "Schulen musizieren" klang mit einem abwechslungsreichen dreistündigen Konzert in der Stadthalle im Beisein des Kultusministers des Landes Nordrhein-Westfalen, Hans Schwier, aus. Der Minister überreichte den Vertreterinnen und Vertretern der Schulen, die an der Bundesbegegnung teilgenommen haben, Ehrenurkunden. Zugleich dankte der Bundesbeauftragte "Schulen musizieren", Oberstudiendirektor Hermann Jorsef Lentz (Mannnheim), den gastgebenden Eltern, Schulen und Gemeinden im Kreise Gütersloh. Sie haben unter anderem dadurch und durch Dienst- und Sachleistungen zu reichlich einem Drittel zur Kostendeckung beigetragen. Die verbleibenden Kosten tragen das Land Nordrhein-Westfalen und die Jürgen-Ponto-Stiftung. Willkommene Partner bei der Dokumentation sind der Rundfunk und der Bertelsmann-Verlag. Es erscheinen zwei Schallplatten und eine Tonkassette von den wichtigsten Konzerten.


Kein schöneres Lob hätte der Minister den Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften für die Darbietungen spenden können als durch die Feststellung, das Gehörte erleichtere es dem Kultusminister, mehr Musiklehrerstellen zu fordern. Hans Schwier unterstrich den Erlebnis- und Begegnungscharakter der Darbietungen, in denen alle Musikgattungen gleichberechtigt und gleichwertig gewesen seien. Besonders herzlichen Dank zollte er dem ermutigend fröhlichen Singen, Spielen und Musizieren behinderter Kinder. Die Topehlen-Sonderschule für Geistigbehinderte hatte zum Abschlußkonzert ihre Sing- und Musiziergruppe "Eben-Ezer", Leitung: Gisela Simon, entsandt und mit dem entzückenden Spiel "Die Rübe" einen wahren Begeisterungssturm entfesselt.


Fast schon Profis

Dirk Schortemeier vom Westdeutschen Rundfunk stellte die miwrkenden Gruppen vor und unterhielt sich mit einigen Leitern vor dem Saalmikrofon. "Ihr seid nicht weit weg vom Professionellen!" lobte der Rundfunkmann die Big Band des Walddörter-Gymnasiums Hamburg und ihren Leiter Christoph Schönherr. Fünf Teilnehmer des Leistungskurses arrangieren Kompositionen für Big Band, unter anderem Torsten Maass, der an diesem Abend die Solotrompete blies.

Eine ganz andere Art Musik pflegt "IGINEMU", Arbeitsgemeinschaft für Neue Musik des Illtal-Gymnasiums Illingen an der Saar, geleitet von Wolfgang Brendel. Sie ließ "Minimal-Musik" hören, kleine melodische Einheiten, die sich - melodisch und metrisch verändert - zum Klangteppich verdichten. Ein überdimensionaler Charakterkopf aus Modelliermasse an derRampe stellte den Komponisten Erik Satie dar, dessen Klaviermusik Wodgang Brendel das Thema zu einem minimusikalischen Experiment mit höflicher Entschuldigung entliehen hatte, daher der Titel "Äkksküseh moa, Erik ..." Den Titel des zweiten Vortrages "Leichter als es aussieht" rechtfertige das halb elektronisch, halb herkömmlich erzeugte Klanggewebe von Computer-Zeitalter-Musik. Auch die Band des Hildegard-Wenschnewider-Gymnasiums aus Westberlin verwendet Elektronik und Klassik des Instrumentariums. Das jugendliche Publikum, daß die Berliner Gruppe "Unchained" mit Begeisterungspfiffen feierte, lauschte mit gleichem Interesse der Holzbläsergruppe der Grund- und Hauptschule Grönenbach (Unteralgäu), dessen Leiter Hermann Haußner die Bassklarinette im Quartett in F-Dur von Carl Böhm und in zwei Mödlinger Tärnzern von Ludwig van Beethoven spielte. Das liebenswürdige Holzbläserenseble wurde dem ländlichen Wiener Charme dieser klassischen "FreiluftMusik" mit Rhythmus- und Melodiegefühl und sauberer Spieltechnik gerecht.


Raum für Vokalmusik

Gebührenden Raum nahm in dieser schulmusikalischen Vielfalt die Vokalmusik ein. Unter der Leitung von Dieter Weidemann sang der gemischte Chor der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule, Neustadt (Aisch) zwei moderne Verkündigungslieder und (mit wesentlich größerem Publikumserfolg) die volkstümlichen Titet: "EI Condor Pasa" im eigenen Satz und "La Cucaracha", das Lied vom Küchenmädchen, im Satz von Albrecht Rosenstengel. Auch der gemischte Chor des Ganztagsgymnasiums Barsinghausen unter der Leitung von Wolfgang Knappe - Sänger und Stimmbildner - gab Beispiele seines weitspannenden Repertoires mit der Motette "Verleih uns Frieden gnädiglich"von Heinnch Schütz, einem spritzigen kroatischen Volkslied und mit dem "Beatles"-Titel "Michelle" von John Lennon und Paul McCartney. Den stärksten Beifall ernteten jedoch die "Spalterhälse" der gleichen Schule, sechs frohe Sänger, die sich nach der Barsinghauser Straße "Spalterhals" nennen. Vom Klavier begleitet gaben sie "Mein kleiner grüner Kaktus" und "Mein Onkel Bumba" im Stile der "Comedian Harmonists" mit vorbildgerechter Stimmkomik zum besten.

Bevor sich Gastgeber und Gäste trennten, bewies der gemischte Chor der Béla-Bartók-Oberschule für Musik, Budapest, unter der Leitung von Professor Gábor Ugrin an Liedern im Volkston abermals meisterliche à-capella-Singekunst. Entzückt lauschte das Publikum dem Sternblumenlied von Lajos Bárdos und dem schlicht-innigen "Dein Herzlein mild" von Johannes Brahms, bewunderte die Vielfalt von Tongebung, Stimmungsgehalt, Ruhe und Bewegung in slowakischen Volksliedern von Béla Bartók und ließ die Ungarn nicht eher von der Bühne, bevor sie eine Zugabe - mit Rücksicht auf den Zeitplan die einzige des Abends - gegeben hatte: Kodálys Nachtgesang "Esti dal": hauchzart, schwebend, schwingend, wie unter dem Sternenhimmel verdämmernd - ein kostbares Geschenk unter vielen klingenden Gaben des viertägigen Schulmusikfestes.

-oe-

Neue Westfälische Zeitung, 02.06.1987


zurück