Die Neue Westfälische Zeitung über "Anatevka" :

 

Zur Bundesbegegnung "Schulen musizieren"

"Oper am Gil", Marl, spielte "Anatevka"

Gütersloh. Einer der Höhepunkte der 4. Bundesbegegnung "Schulen musizieren"" im Kreise Gütersloh war die Aufführung des Musicals "Anatevka" durch die "Oper am Gil" des Gymnasiums im Loekamp, Marl, in der Gütersloher Stadthalle. Das zumeist jugendliche Publikum quittierte die hervorragende Ensembleleistung mit frenetischem Szenen-, Pausen- und Schlußapplaus.

Die erst 1966 gegründete Schule entwickelte Aktivitäten in mehreren musischen Disziplinen und führt sie in Aufführungen zusammen, deren künstlerischer Anspruch sich steigerte. "Anatevka" ist in jeder Hinsicht beinahe Professionell - mit raffiniert einfachem Bühnenbild, phantasieanregenden Kostümen und Masken, orgineller Choreographie, bewundernswerten darstellerischen Leistungen, kundig geführten Massenszenen und erstaunlichem Einfühlungsvermögen in das Fühlen und Handeln der Angehörigen einer kleinbürgerlichen tradittonsverbundenen jüdischen Diasporagemeinde im alten Rußland. Der Zuschauer merkt dankbar an, daß Unter- und Hintergrund der Aufführung dieses elegischen Musicals mit großer pädagogischer Sorgfalt vorbereitet worden sind.

Das Bühnengeschehen fußt auf der sicheren musikalischen Leitung von Ise Schönberg. Vor dem aufmerksam musizierenden und sorgfältig akzentuierenden Orchester konnten sich die Solisten hervorragend entfalten: der Fiedler auf dem Dach, nach Bogenstrich, Vibrato und Kadenz ein junger Virtuose, vor allem aber Tevje, die voiuminose, mimisch, gestisch und musikalisch höchst ergiebige Zentralgestalt, um ihn herum - liebevoll individualisiert und profiliert - Frau und Töchter des Milchmanns, der reiche Metzger, der arme Scnneider, der junge Revolutionär, der Soldat der Chava seiner Familie entreißt, die indischen Bewohner des Städtchens, die Soldaten, deren naturburschenhafter Krakowiak mit Sonderbeifall bedacht wurde, sodann die vielen Chargen als sorfältig gesetzte Farbtupfer des anfangs ungetrübt idy1ischen Gemäldes.

Den Regisseuren Ludger Rademacher Andrea Schulz und Ise Schönberg war es gelungen, das Lebensgefühl der Kieinbürger vor dem Schatten drohender Unruhe zu vergegenwärtigen. Die Hochzeitsszene wirkte in ihren freundlichen Farben wie ein Sonnenstrahl vor düsterem Gewölk. Der befohlene Auszug der Juden aus ihrem Städtchen erhielt in historischer Parallele bedrückendes Gewicht.

Bewegend war die Warmherzigkeit, mit der das Ensemble die Menschen und die Verehrung ihrer jüdischen Tradition zeichnete und damit der Herzenstakt der gesamten Aufführung - eine glänzende Empfehlung für die Arbeit an dieser Schule.

Neue Westfälische Zeitung, 01.06.1987


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