Die Marler Zeitung über "Blutsbrüder" :

 

"Standing ovations" endet erst nach einer Zugabe der "Zwillinge"

Einige Darsteller agierten wie alte "Theaterhasen"/ Schöne Stimmen

Die Story des 1981 uraufgeführten preisgekrönten Stückes "Bloodbrothers" spielt im Liverpool der Nachkriegsgesellschaft:

Mrs. Johnstone (Katrin Block), Mutter von fünf Kindern, erwartet Zwillinge, als sie von ihrem Mann verlassen wird. Da sie trotz eines Jobs als Haushaltshilfe bei einem wohlhabenden Ehepaar nicht weiß, wie sie zwei weitere Mäuler stopfen soll, gibt sie der Bitte ihrer Arbeitgeberin Mrs. Lyons (Melanie Manka) nach und überläßt ihr einen Zwilling.

Mickey und Edward wachsen fortan in verschiedenen sozialen Verhältnissen auf, treffen aber im Alter von sieben Jahren aufeinander. Sie werden Freunde, schließen sogar Blutsbrüderschaft, ohne zu wissen, daß sie Zwillinge sind.

In der Angst, jemand könnte erfahren, daß Edward nicht ihr leiblicher Sohn ist, erzwingt Mrs. Lyons durch den Umzug ihrer Familie aufs Land die Trennung von Mickey und Edward. Wenige Jahre später begegnen sich die Zwillige als Jugendliche erneut und durchleben gemeisam mit Spielkameradin Linda unbeschwerte Jugendjahre. Erst als beide selbst Verantwortung übernehmen müssen, klafft die soziale Schere auseinander: Während der edle Edward in Oxford studiert, verliert Mickey seinen Job als Hilfsarbeiter. Mickey gerät auf die schiefe Bahn und landet am Ende sogar im Gefängnis. Edward dagegen schafft den Aufstieg in den Stadtrat. Als Linda, die inzwischen mit Mickey verheiratet ist und ein Kind von ihm hat, mit Edward anbändelt, nimmt das tragische Schicksal endgültig seinen fatalen Lauf...

An Patrick Matten und Christoph Stratmann, die Mickey und Edward als Kinder mimten, hatten die Zuschauer ihren Spaß, verkörperten sie doch in ihren Rollen die kindliche Unbekümmertheit. Unter den jüngeren Darstellern fiel auch Claudio Richter auf, der den vorlauten Sammy spielte, den zehnjährigen Bruder der Zwillinge.

Bei Sinan Ay und Stephan Arnold als jugendliche Zwillinge sowie Bertine Pienkos als Linda überwog - neben einigen humorvollen Parts zu Beginn des zweiten Aktes - die nachdenkliche Stimmung. Wie alte "Theaterhasen" verstanden sie es, die wachsenden Unterschiede der beiden Brüder und ihre aufkommenden Differenzen herauszuspielen. Hörenswert war dabei besonders der Sologesang von Stephan Arnold.

Über allen stand jedoch Katrin Block als Mrs. Johnstone. Ihr schauspielerisches Können, ihre Mimik und Gestik entsprachen exakt der Stimmung, die das Stück vermitteln sollte. Besonders ihre ausgeprägte Singstimme fesselte den Zuhörer. Voller Sehnsucht träumte sie in ihren Liedern davon, so begehrt zu sein wie Marilyn Monroe, die wie ein Geist von einer Plakatwand über der Bühne lachte.

Jedoch nicht der Ruhm der Monroe schlug sich im Leben der Mrs. Johnstone nieder, sondern ihr Untergang: Wie die berühmteste Blondine Hollywoods endet auch Sohn Mickey in der Tablettensucht.

Insgesamt verdienten sich alle 90 Beteiligten, Musiker, Schauspieler und die unsichtbaren Helfer am Ende die "standing ovations" des Marler Publikums, die erst endeten, als Sinan Ay und Stephan Arnold eine Zugabe anstimmten.

Schirmherr Günter Lamprecht, der bei der Premiere nicht anwesend sein konnte und dem Ensemble via "fleurop"-Strauß viel Erfolg wünschte, hat einen echten Glanzpunkt der Marler Theaterlandschaft verpaßt.


Marler Zeitung, 1. Juli 1996


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