Die WAZ über "Blutsbrüder " :

 

Wie sag ich's meinen Kindern?

Oper am GiL probt "Blutsbrüder" - Wo Marler Pennäler zu Stars auf der Bühne werden

Da ließ sich Marls Theaterreferent Axel Schmidt-Scherer nicht zweimal bitten. Für die Oper am GiL kehrte er zu seiner alten Profession zurück und übernahm gemeinsam mit Lehrer Gerd Beckmann die Produktionsleitung des neuen Musicals "Blutsbrüder" von Willy Russel.

Probennachmittag in der Schulaula des Gymnasiums am Loekamp in Marl: Man mag kaum glauben, daß dieser grazile Teenager auf der Bühne glaubwürdig eine gestandene Mutter von sechs Kindern verkörpern soll. "Obwohl ich erst 25 bin, seh ich wie 40 aus", singt Kathrin Block mit dem allertraurigsten Augenaufschlag und schon hat sie Zweifler überzeugt.

Die Zehntklässlerin hat sich wie rund 60 Mitschülerinnen und Mitschüler der Jahrgangsstufen 6 bis 12 in ihrer Freizeit der Schauspielerei verschrieben. Am Gelingen des Musicals wirken außerdem noch das Schulorchester mit 20 Musikem und die Bühnenbild-AG am GiL mit. Ein ganzes Schuljahr lang wird an der Produktion gefeilt. Jeden Freitag stehen nachmittags Proben auf dem Programm. Kurz vor der Premiere gönnen sich die Mitwirkenden dann kaum noch eine Pause.

Szenische und musikalische Arbeit gehen Hand in Hand. Theaterprofi Axel Schmidt-Scherer, ebenso gelernter Pädagoge wie Dramaturg und Regisseur, ist für die Schauspielerei zuständig. Gerd Beckmann, am GiL Lehrer für die Fächer Kunst und Deutsch, übernimmt den musikalischen Teil.

Gesucht wurde nach einem unterhaltsamen Musical mit kritischem Anspruch für die Oper am GiL. Da bot sich Willy Russels Geschichte von Zwillingsbrüdern, die aufwachsen ohne voneinander zu wissen, wie von selbst an. Ansprechende Musik und ernstzunehmender Inhalt, waren für das Team Beckmann/Schmidt-Scherer entscheidend für die Wahl. Der Brite Willy Russel, Autor und Komponist des Musicals zugleich, liefert Spannung, Liebe, Leid und Trauer, dazu ein paar witzige Szenen, die dem Stück den sentimentalen Kitsch austreiben. Nicht zuletzt der sozialkritische Aspekt macht das Musical für junge Darsteller attraktiv.

"Natürlich wollten viele Schüler lieber "Das Phantom der Oper" oder "Starlight Express" spielen", erzählt Projektleiter Gerd Beckmann. Doch nur zu imitieren, was ohnehin auf allen Bühnen zu sehen ist, war den engagierten Theaterfans dann am Ende doch nicht genug.

Theater und Musik gehören am Marler Gymnasium zur Schulgeschichte wie der Stundenplan. Mit ihren Aufführungen gastieren sie im TM. Bei solch professionellen Arbeitsbedingungen soll auch die Arbeit auf der Bühne Qualität haben. "Unser Ziel ist eine Aufführung, die nicht nur für die Angehörigen sehenswert ist. Unseren Schülern wollen wir ein Ahnung geben, daß eine gute Inszenierung harte Arbeit ist"", erklärt Gerd Beckmann.

Der Erfolg hat den Marler Pennälern bislang bestätigt, daß sich der Aufwand lohnt.Die Oper am GiL genießt einen besonders guten Ruf. Viele Eltern melden ihre Sprößlinge als künftige Gymnasiasten am Loekamp an, damit sie in den Genuß der musischen Förderung kommen. 130 bis 140 Mitiwirkende kommen da bei einer Produktion schnell zusammen.

Zurück in den Probenraum, wo sich gerade der Chor um die Hauptdarsteller gruppiert. Einige bewegen sich auf der Bühne noch etwas schüchtern und zaghaft, andere forsch und mit betonter Lässigkeit. Auf dem Probenplan steht eine Hochzeitsszene. "Ihr müßt auf das Brautpaar schauen", ermahnt Axel-Schmidt-Scherer die noch etwas unsicheren Darsteller immer wieder. Und nach einigem Wiederholen hat sich die anfangs unbeholfene Schülerschar in eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft verwandelt.

Wer jetzt wissen will, wie die tragische Geschichte der Mrs Johnston und ihrer Söhne spielt, und welchen tragischen Verlauf ihr Schicksal nimmt, sollte die Premiere der "Blutbrüder'" nicht verpassen. Ausschnitte des Musicals sind allerdings schon bei den Schultheatertagen am 21.März im Bürgerhaus Süd, Recklinghausen, zu sehen.

Hier geben sich neben den Marlern Schultheatergruppen aus dem ganzen Kreis ein Stelldichein. Am 11. März fällt der Startschuß. Bis zum 21. März zeigen theaterbegeisterte Schüler im Alter von 10 bis 19 Jahren Musicals, klassische Dramen und experimentelle Produktionen. Bis zu drei Aufführungen für verschiedene Altersgruppen stehen täglich auf dem Spielplan. Ausführliche Programminformationen und Karten sind bei den Ruhrfestspielen, Abteilung Theaterpädagogik, zu bekommen, Tel. 0 23 61/918 304.

Martina Möller "Cocktail" - Freitagsbeilage der WAZ, März 1996


zurück