TAMBOURMAJOR diszipliniert Marktfrauen. Wolfram Wende (links) zeigt, was die Uniform vermag in Jacques Offenbachs Operette "Die Damen auf dem Markt".   waz-Bild: Gayk

Satirische Offenbach Operette

Von JOACHIM LUDEWIG

Schon zur Tradition geworden ist die jährliche Opernaufführung im Loekamp-Gymnasium. Dank Ise Schönberg (Fächer: Musik und Englisch), die ihren Schülern "das unvergeßliche Bühnen-Erlebnis" bieten möchte, erarbeitet man dort auf der Basis freiwilliger Beteiligung Werke des Musiktheaters, die sich besetzungsmäßig verwirklichen lassen. Mach einem Jahr der Probenarbeit war am Mittwoch der große Tag gekommen. Jacques Offenbachs (als Jakob Eberst in Köln geboren) Einakter "Mesdames de la Halle", zu deutsch; "Die Damen auf dem Markt" hatte vor ausverkauftem Haus Premiere.

Daß man erstmalig auf den Brettern des Theaters Marl Röcke wie Handlungsknoten schürzte und entwirrte bezeichnet Ise Schönberg als "Riesenerlebnis". Beachtlich die schauspielerische Leistung der Protagonisten. Vorübergehend verstand man sich glänzend darauf , die reputierliche Herkunft zu vergessen und als die Marktfrauen "Zunder" und "Butterschmalz" (Ulrike Wirth und Andrea Schulz) im Streit um das hübsche Köchlein Krüstchen (Ellen Mierswa) sich Gurke und Fisch im schönsten Argot um die Ohren zu schlagen.

Es wirkte sehr natürlich. Bravo! Beider Mentalität (au weia!) vereinigt sich in der Persönlichkeit der Frau Birnenweich (Ute Schwarz), die handelt nämlich sowohl mit Gemüse als auch mit Meeresfrüchten. Tja, leider gibt es sie nicht mehr, die Pariser Markthallen, wo nicht nur die beste Zwiebelsuppe der Stadt serviert wurde, sondern laut Libretto auch "Kraut und Rüben billig, die Frauen nett und willig" gewesen sein sollen. Umso verdienstvoller, sie für diesen Abend auf die Bühne des Theaters Marl zu zaubern. Die Markthallen.

Daran hatten wesentlichen Anteil Wolfram Wende als Tambourmajor Raflafla und Melanie Frenzel als Früchtehändlerin Pimpernelle. Beide sind stimmlich wie darstellerisch gut bestückt. Namentlich jener Raflafla, gemäß eigenem Zeugnis ein Bewunderer "jungen Gemüses" (da hat er als Marktpolizist den idealen Job erwischt) versteht sich darauf ein Bühnen-R zu produzieren, das an die alte Vorkriegsmaxime des Burgtheaters (da "kainzelte" seinerzeit sogar die Toilettenfrau) gemahnt: "Wir haben früher sogar das Z gerrollt."

Doch Ernst beiseite. Unter der Leitung von Ise Schönberg (Stabführung und Regie) entfalten sich die jungen Leute ganz prächtig. Disziplin und gleichzeitige Freiheit, die das Bühnenerlebnis mit sich bringt, macht die verdienstvolle Pädagogin des Schülerinnen und Schülern des Loekamp-Gymnasiums seit Jahren zugänglich. Mit Blick auf das tadellos funktionierende 40-Mann-Orchester spielt auch die Musikschule Marl sicher eine nicht unwesentliche Rolle. Nicht zu vergessen die Eltern aller Mitwirkenden, ohne deren tatkräftige Mithilfe die malerischen Kostüme nicht zustande gekommen wären. Für das aussagekräftige Bühnenbild zeichnen die Schüler selbst verantwortlich.

Nach dem großen Erfolg vom Mittwoch, steht am Freitag, 1. Juni, 20 Uhr eine zweite Aufführung der satirischen Offenbach-Operette im Theater Marl an, für alle diejenigen, die beim ersten Mal keine Karten bekommen kommten. Als nächstes Projekt denkt man im Loekamp-Gymnasium an eine Händel-Oper.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 31. Mai 1984


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