Die Marler Zeitung zur "GODSPELL"-Premiere:

Jubelfeier krönt die Musical-Premiere

OPER AM GIL: Hunderte Zuschauer feiern "Godspell" mit stehenden Ovationen / Schüler aus Luxemburg stimmen mit ein

Als Stephen Schwartz in den 60-er Jahren Hippies auf die Bühne stellte, um sie albern und geradezu respektlos Bibel -Szenen spielen zu lassen, war das eine Provokation sondergleichen. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Regisseur Michael Seewald mit seiner drastisch reduzierten Interpretation des Musicals "Godspell".

An Massen szenen wie hier beim Song "Das Licht der Welt" - gesungen von Melody Nassiri - hat Regisseur Michael Seewald nicht gespart.

Mit Seewald, Leiter der Abteilung "Szenisches Spiel" an der Folkwang-Musikschule in Essen, konnte die Oper am GiL einen namhaften Regisseur gewinnen. In seiner Fassung, mit der die Schüler am Samstag im Theater Marl Premiere feierten, löst er sich ganz bewusst von der Blumenkind-Ästhetik. Seewald setzt aufwendige farbig gekleidete Schauspieler, die wie schrille Farbtupfer auf der in Schwarz gehüllten Bühne agieren.

Auch die Provokation tritt als ursprüngliches Leitbild in den Hintergrund: "Ich möchte grundlegende Glaubensfragen in ihrer Zeitlosigkeit deutlich werden lassen, den Zuschauern Hoffnung geben", erklärt der Regisseur. Eine Szene des Stücks, das in zahlreichen Episoden und auf der Grundlage des Matthäus-Evangeliums die letzten Lebensjahre Jesu Christi erzählt, vermittelt diese Intention in besonders gelungener Weise: Als der Vater seine Tochter unter Androhung von Gewalt zu Bett schickt, bekehrt ihn eine mysteriöse Stimme mit Zitaten aus der Bergpredigt zum Guten: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren."

Den Judas Spielt Evelyn Kramkowski (l.).

"Kehr um, oh Mensch" singen Toni Makel (l.) und Christoph Strtmann in der Szene "Jesus TV"

Eine Szene des Stücks, das in zahlreichen Episoden und auf der Grundlage des Matthäus-Evangeliums die letzten Lebensjahre Jesu Christi erzählt, vermittelt diese Intention in besonders gelungener Weise: Als der Vater seine Tochter unter Androhung von Gewalt zu Bett schickt, bekehrt ihn eine mysteriöse Stimme mit Zitaten aus der Bergpredigt zum Guten: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren." Andere Szenen sind hingegen derartig reduziert, das ihnen die Zuschauer nicht die gebührende Aufmerksamkeit entgegen bringen: So werden der Verrat Jesu durch Judas und die Hinrichtung in wenigen Augenblicken abgehandelt - Dramatik und Spannung kommen zu kurz.

Fröhliche Lieder

Das Stück lebt von fröhlichen schwungvollen Liedern, denen das Orchester gemeinsam mit dem Jugendchor der Friedenskirche einen fulminanten Raumklang verleiht, sowie von tollen, äußerst disziplinierten Nachwuchsdarstellern. Sie wurden vom Publikum mit stehenden Ovationen ausgiebig gefeiert.

Große Hoffnungen verbindet Gerd Beckmann, Leiter der Oper am GiL, sowohl mit Helge Salnikau, der erstmals in einer Hauptrolle zu sehen war, als auch mit Johanna Patschke. Vor sechs Wochen in ihre Rolle "gerutscht", erwies sie sich als echtes Talent.

Zur Premiere kamen auch Schüler aus Luxemburg, die "Godspell" 1999 aufgeführt hatten und zufällig im Internet auf die Oper am GiL aufmerksam wurden. Gemeinsam stimmte man drei Zugaben an, die in einer unvergesslichen Jubelfeier endeten.

Nicht nur in der Rolle des jähzornigen Famielenvaters überzeugt Helge Salnikau (l.).

Frank Bergmannshoff, Marler Zeitung, 30. Mai 2000


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