Die WAZ zur "GODSPELL"-Premiere:

 

Bergpredigt "würzt" die TV-Runde

Sind die Ideen Jesu heute noch von Bedeutung? Wer die neue Produktion der Oper am GiL gesehen hat, kann das nur bejahen: In Stephen Schwartz´ "Godspell", einem Musical nach dem Matthäus-Evangelium, gelingt den jungen Akteuren eine schwungvoll verpackte Auseinandersetzung mit dem biblischem Stoff, die dessen zeitlose Aktualität beweist.

Das Stück, das in den 60ern entstanden ist, erzählt Episoden aus der letzten Lebenshälfte Jesu. Die Gleichnisse werden dabei auf moderne Alltagssituationen übertragen: Da wird eine Putzfrau, die eine sterbenskranke Frau tröstet, zum barmherzigen Samariter, und die Bergpredigt schallt in die kommunikationslose Fernsehrunde hinein.

Den reibungslos koordinierten Übergängen, wirkungsvollen Massenszenen und pfiffigen Choreographien von Andrea Möller ist es zu verdanken, dass die fragmentarische Handlung immer im Fluss bleibt. Unter der professionellen Regie von Michael Seewald und der musikalischen Leitung Gerd Beckmanns entsteht eine rasante Show voller Überraschungseffekte, die neben tiefsinnigen Botschaften auch jede Menge gute Laune vermittelt. So springen die Kranken plötzlich von ihren Betten zu einer Tanznummer auf, und bei "Jesus TV" wird die Erlösung nach dem Motto "spende und bekenne" ironisch vermarktet.

Wirkungsvolle Massenszenen und fiffige Choregraphien sorgen bei "Godspell" für eine Handlung, die im Fluss bleibt.

Dazu schallt es jazzig aus dem Orchestergraben, die sehr gut aufeinander abgestimmte Band begleitet routiniert fetzige Gesangsnummern. Fähige musikalische Unterstützung erhält die Oper seitens des Jugendchors der Friedenskirche.

Eine Riege leistungsstarker Darsteller rundet auch diesmal den durchweg positiven Gesamteindruck ab: Bühnentalent Helge Salnikau überzeugt als Rapper ebenso wie in gesanglicheren Stücken, die bewährten Akteure Lukas Berger und Christoph Stratmann glänzen mit Engagement und Präsenz. Zu den sängerischen Neuentdeckungen zählen die flippig-mitreißende Johanna Patschke und, mit beachtlichen stimmlichen Qualitäten, Anne Zbikowski.

So reiht sich auch "Godspell" ein in die Tradition der "Oper am GiL": Hochmotivierte, spielfreudige junge Menschen liefern unter professioneller Anleitung eine niveauvolle Veranstaltung, die begeistert. Die Premiere am Samstag jedenfalls war ein voller Erfolg, die Zuschauer feierten hingerissen das Opern-Team - das soviel Euphorie wirklich verdient.

nie, WAZ, 29. Mai 2000


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