Die Marler Zeitung über "The King and I" :

 

Packend, einfühlsam und perfekt:
Oper am GiL mit "The King and I"

150 Akteure/innen begeistern mit Spielfreude und professioneller Perfektion

 

Marl. Vorhang auf zu einer Reise nach Bangkok im 19. Jahrhundert: Ein absolutistischer König regiert mit starker Hand. Politik ist für ihn Machtgewinn, Frauen sind gehorsame Wesen und die Untertanen dem Despoten sowieso rechtlos ausgeliefert. Dann kommt eine resolute englische Frau und stellt alles auf den Kopf in dieser verückten Welt der "Erwachsenen". Etwas "verrückt" ist die Welt schon im Broadway-Musical "The King and I" von Rodgers und Hammerstein, das durch das Ensemble der "Oper am GiL" im ausverkauften TM Premiere hatte.

Der Kampf um Geschlechterrollen, Politik, eine Prise vom Aufklärungsbegriff des Kolonialzeitalters und eine tragische "Love-Story"- es waren schon viele Aspekte, denen über 150 junge Akteure/innen mit ausgelassener Spielfreude und hoher Perfektion auf allen Gebieten begegneten.

Die selbstbewußte und modern gesinnte Anna (Anne Rataiczak) ist vom siamesischen König (Oliver Ganschow) als Lehrerin eingeladen worden, um europäische Bildung ins Land zu bringen. Dazu gehört gleichermaßen, den ungläubigen Kindern des tropischen Siams zu erklären, was Schnee ist, wie die ihre vom neuzeitlichen Menschen und vor allem Frauenbild! Schließlich bewahrt Anna das siamesische Königreich durch listige Taktik vor einer drohenden Annexion durch England. Hierfür hatte Anna den Hofstaat angeregt, durch Zurschaustellung westlicher Manieren Vorurteile vom "edlen Wilden" zu entkräften und die Europäer im nächsten Schritt mit den Schönheiten asiatischer Kultur zu verzaubern.

Hundertprozentig machten - die engagierten Darsteller/innen die Vorgaben der Rollen plausibel. Mit dem selbstironischen Charme eines Liebenswerten Bösewichts demonstrierte "König" Oliver Ganschow gockelhaft seine majestätische Autorität, was Anna nur die Einsicht entlocken konnte, daß er "halt wie ein Mann, also nicht klug" denken kann. Zu den Publikumslieblingen gehörte auch Michael Kleinkes, der im seidenschillernden Sarong und mit nacktem Oberkörper einen herrlichen Premierminister des Königs abgab und dabei ebenfalls viel großmäuliges Machtgehabe demonstrierte. Viele märchenhaft kostümierte Darsteller/innen inszenierten zudem ein skurriles Hofzeremoniell und sorgten damit für reichlich Situationskomik ohne jeden Klamauk.

Immer wieder wurde Herrschaft in Frage gestellt, sowohl zwischen Herrscher und Untertanen wie auch zwischen Mann und Frau. Packend und einfühlsam agierten auch die Protagonisten der obligatorischen und tragischen "Love-Story" des Musicals! Die reizende Tuptim (Melanie Herzig) war sozusagen als Mitbringsel in den königlichen Harem gebracht worden. Nun bahnt sich eine verbotene Liebe zwischen ihr und einem birmanischen Gesandten (Holger Marzinzik) an. Im Gesangsduett klagen beide ihr Leid als Verfolgte. Tieftraurige Momente folgen, als beide die Flucht versuchen und der Liebhaber schließlich sterben muß.

Zu den ganz großen Momenten gehörte eine Ballettszene, bei der das Orchester (am Dirigentenpult: Volker Zwetschke) mit spannenden pentatonischen Passagen und Schlaginstrumenten viel fernöstliches Flair zum Klingen brachte. Nicht nur hier fühlten sich die Tänzerinnen so ganz im Element ihrer abgezirkelten Körperfiguren des klassischen asiatischen Tanzes, den Choreographie-Expertin Patricia Kutter einstudiert hatte. Eine insgesamt wirklich tolle Leistung.

Marler Zeitung, Stefan Pieper, 06.03.1995


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