Provinzschönheit auf Irrfahrt durch die U-Bahnhöfe
Oper am Gil überzeugt im Schacht 8 mit Musical "Linie 1"
Theatervergnügen auf drei Bühnen
MARL. (bmh) "Wir wollten kein Plüschtheater, wo man sich gemütlich in den Sessel fallen läßt und nur konsumiert", kommentierte
Gerd Beckmann die diesjährige Aufführung der Oper am GiL. Daher hatte man sich für das Musical "Linie 1" die ehemalige Kaue des
Schacht 8 als Spielstätte ausgesucht: Umgeben von kahlen Wänden, schmuddeligen Kacheln und auf Holzbänken sitzend, konnten die
Premieren-Besucher am Freitag abend eine ausverkaufte Aufführung der besonderen Art erleben.
Beckmann, Musiklehrer am Loekamp-Gymnasium und musikalischer Leiter des Stücks, verfolgt mit dieser Form der Darbietung verschiedene
Ziele:, "Mit der Wahl eines Jugendtreffs möchten wir den Erwachsenen die Jugendkultur etwas näher bringen." Gleichzeitig folge die
Oper am GiL dem Trend Theater zunehmend an ungewöhnliche Schauplätze zu verlegen: Klassik in der Kaue, Ruhrfestspiele in der
AV-Eisenlagerhalle, Musical im Schacht 8.
Clou der Inszenierung: Gespielt wird auf drei Bühnen, so daß sich das Publikum während der Aufführung auch schon einmal umdrehen
oder von den Plätzen erheben, sich das Theatervergnügen praktisch "erarbeiten"nuß.
Daß die Musik nicht vom Band, sondern live von einem Orchester kam, erkannten die meisten Besucher erst in der Pause: Die Musiker
hatten unsichtbar im Nebenraum Platz genommen; die Lieder wurden über die Lautsprecheranlage ohne große Klangverluste in den
Zuschauerraum übertragen.

Die "Linie 1"-Handlung des Autors Völker Ludwig ist schnell erzählt: Um ihren geliebten "JohnnyBoy"
alias Bariton-Talent Stephan Arnold zu suchen, reist die schwangere Natalie (Katrin Pahlke) aus ihrem westdeutschen
Provinznest nach Berlin.
Obwohl sie das Stück eröffnet und fast durchgehend auf der Bühne steht, spielt sie jedoch nicht die Hauptrolle: Auf der Suche nach
ihrer verschwundenen Reisetasche begegnet Natalie in der Berliner U-Bahn einer Vielzahl schriller, spießiger oder auch "normaler"
Charaktere, die sie geringschätzig anpöbeln oder bei ihrer Suche unterstützen. So zum Beispiel Bambi (Sinan Ay), Maria (Katrin
Block) - beide als "alte Hasen" absolut überzeugend und gewohnt stimmgewaltig - sowie Kleister, gespielt von Kai Dellemann.
Neben weiteren Charakteren wie Pennern, Spinnern, Nazis, Weltverbesserern, Tagträumern, Arbeitslosen, Schulschwänzern und
Selbstmördern verleiht das insgesamt 102köpfige Ensemble dem Musical mit schwungvollen Liedern eine abwechslungsreiche Note. Mit
von der Partie waren auch die GiL-Lehrerinnen Marlies Laug und Andrea Möller als "deutschnational" eingestellte Witwen.
Schließlich findet Natalie ihren "Traumprinzen", bekommt jedoch Zweifel an ihrer Entscheidung, bei Johnny in Berlin zu bleiben -
sie kehrt zurück in ihre Heimatstadt.
Marler Zeitung, 1. Juli 1997
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