Die WAZ über "Linie 1" :

 

Unterirdische Hölle mit Punks und Nazis

GiL-Musical "Linie 1" überzeugt voll und ganz

Ein Mädchen aus West-Deutschland kommt nach Berlin und sucht die große Liebe, den Sänger Johnnie, den sie in ihrem Heimatkaff kennengelernt hat, und der in Kreuzberg wohnt, wohin die Linie 1 fährt: Vorhang auf für die Musical-Premiere der Oper am GiL mit "Linie 1".

Alles ist düster in dieser unterirdischen Hölle: Es gibt Nazis, Punks, minderjährige Prostituierte, Alkoholiker, Penner, Straßenkinder, die grauenhaften Wilmersdorfer Witwen (begnadet interpretiert von Marlies Laug, Andrea Möller, Stephan Arnold und Christoph Stratmann) und die autoritären Kartenkontrolleure. Nach vielen Begegnungen findet das Mädchen (Katrin Pahlke) ihren Johnnie (Stefan Arnold) - und will nicht mehr.

Er schein aus einem anderen Sternen- system zu kommen und in dieses einzigartig unrealistische Universum von Trauer, Einsamkeit und Rücksichtslosigkeit nicht zu passen. Der einzige Engel in diesem Moloch bezeichnet sich zudem als Hexe und singt, als hätten ihm die himmlischen Heerscharen Gesangsunterricht gegeben. Die Rede ist von Katrin Block (Maria), die sängerisch, tänzerisch und schauspielerisch zu den größten Talenten gehören dürfte, die je in der Oper am GiL mitgewirkt haben.

Ob die Charaktere dieses Musicals, die in dieser Unterwelt des Grauens unaufhörlich mit Bierflaschen und Zigaretten und einem pseudorealistischen Vokabular konfrontiert werden, von erwachsenen Darstellern hätten glaubwürdiger verkörpert werden können bleibt dahingestellt. Zu der mit Metaphern und sozialkritischen Momenten gespickten Story paßte das Ambiente des Schacht 8 aber sehr gut. Statt eines aufwendigen Bühnenbildes bezog Regisseur Axel Schmidt-Scherer den ganzen Raum mit ein. So spielten die Laien teils auf der Hauptbühne, teils auf der Rückbühne und zeitweise an der links plazierten Bar. Einziges Manko: die harten Biergartentische als Platzspender fürs Publikum.

Zwar haben die Hauptdarsteller leider nur einen Song, dafür gibt es aber mindestens zehn Hauptdarsteller, die überzeugten und in Hinsicht auf die Fähigkeiten von Laienensembles als äußerst überdurchschnittlich bezeichnet werden können. Alle Mitwirkenden spielten ihre Rollen durchweg gekonnt und souverän, von Nervösität keine Spur.

So hat sich in der Schuloper eine ungeheure Bühnenpräsenz und Routine breit gemacht, die nicht auf Kosten des musikalischen und darstellerischen Könnes ging. Eine bravouröse Gesamtleistung, bei der eine besondere Erwähnung Sinan Ay (Bambi), Kai Dellemann (Kleister), die perfekt agierende Alinka Stenzel (Bisi), der sichere Lukas Berger (Rentner Hermann) und Katrin Pahlke (Mädchen) verdienen. Leider nur in einem Solo.-Lied konnte man Stefan Arnolds famose Stimme genießen.

So wurde zusammen mit dem fetzig aufspielenden Orchester die Premiere unter der Gesamtleitung von Gerd Beckmann zu einem vollen Erfolg, der die jugendlichen Laien dazu veranlaßte, den Aufführungsort noch bis in die Nacht als Partyraum zu nutzen.

Michael Breugst  WAZ, 1. Juli 1997


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