Die Marler Zeitung über "Rats" :

 

Ein Alptraum mit glücklichem Ende

OPER AM GIL: Märchen-Musical "Rats" begeistert das Publikum im Theater /
Viel Applaus für die Songs der Brecht-Revue

Auch die braven Kinder werden vom Pfeifer entführt.

59 Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums im Loekamp erlebten am Montag auf der Marler Theaterbühne eine schauspielerische Premiere: "Rats - Das Musical" inzinierte die "Oper am GiL" und deutete auf ganz neue Art und Weise das Märchen vom "Rattenfänger von Hameln".


VON MAGDALENA PALEWICZ

Lautes Getöse, Gelächter und Gerede: Die Jungschauspieler nähern sich von den Seiteneingängen der Bühne. Von rechts kommen schwarz und konservativ gekleidete Personen, von links Kinder in zerrissenen Jeans, bunten, gegelten Pankerfrisuren, aufmüpfig sogar gegenüber den Zuschauern. Der Stadtrat und die "Rats"-unliebsame, freche Jugendliche mit ihrem "großen, starken Anführer", alias Helge Salnikau - begegnen sich auf der Bühne und das Streiten zwischen den Gruppen beginnt.

Lediglich in Liedern - ohne direkte Dialoge - erzählen die Schauspieler der Nachwuchsgruppe die Geschichte von Hameln, einer Stadt, in der die "Rats" das gepflegte Stadtbild stören und daher auch radikal entfernt werden sollen. Die Stadt und Bürgermeister Greedy, dargestellt von Patrick Matten, engagieren den zwar teuren, aber in der Bekämpfung wirkungsvollen Pfeifer, alias Christoph Stratmann, um das "lästige Gesindel" los zu werden.

Mit Hilfe seiner Zauberflöte führt Pfeifer die "Rats" über die Weser und ertränkt sie. Allerdings verweigert ihm "Old Greedy" aus Geiz seienen hohen Lohn, worauf sich der gnadenlose Pfeifer rächt und auch die lieben Kinder, darunter Greedys gehbehinderte Tochter, dargestellt von Annika Firley, bzw. Melody Nassiri, der Stadt entführt. Zurück bleibt nur eine Gesellschaft ohne Kinder und ohne Zukunft.

Erst mit dem letzten Lied "Gedanken sind frei" entpuppt sich die grausame Geschichte als Alptraum und endet schließlich mit einem Happy End.

Die schmuddeligen "Rats" sind den ehrbaren Bürgern ein Dorn im Auge. Eine Szene aus dem Märchen-Musical der Oper am GiL.

Frech, aktuell und sozialkritisch

Gesellschaftskritisch und äußerst aktuell behandelt das freche und musikalisch anspruchsvolle Musical der "Oper am GiL" Themen wie ethnische Stadtsäuberung, Betrug, Geiz und die wichtige Rolle von Kindern in der Gesellschaft. Ohne aufwendiges Bühnenbild - mit lediglich einem Bett im Hintergrund der Bühne - stellten die 59 Akteure das Geschehen durch Bewegung und Choreographie dar.

Dazu nutzten sie nicht nur den Bühnenraum, sondern auch die Gänge in den Rängen und dem Zuschauerparkett. "Das Ziel war es, mit den vielen Kindern, die Bilder und das Bühnenbild zu choreographieren", erklärte der musikalische Leiter der Gruppe, Musiklehrer Gerd Beckmann.

Die jugendlichen der Klassen 6 bis 10 überzeugten vor allem mit ihren Stimmen. Kleine Textpatzer nahm das Marler Publikum mit Applaus und einem Lächeln hin.

Für die Regie der Inszenierung konnte der Theaterpädagoge, Michael Seewald von der Folkwang Musikschule Essen, gewonnen werden, die Spielleitung und Gesangs- Koordination übernahm Andrea Möller, Lehrerin am GiL. Beide waren von der Leistung ihrer Schüler sichtlich begeistert.

Einen Applaus besonderer Art ernteten auch die Darsteller des Vorprogramms: Elf Schüler und Schülerinnen zeigten Auszüge aus der geplanten Brecht-Revue "Von Alabama bis Bilbao..". Auch sie überzeugten das Publikum im fast ausverkauften Theater von ihrem musikalischen und schauspielerischen Talent.

Die Brecht-Revue, mit Liedern wie der "Moritat von Mackie Messer" aus der Dreigroschenoper, dem "Alabama-Song" aus "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" oder "Hosiannah Rockefeller" aus Happy End, inszeniert von Alois Banneyer, zeigt das Team der "Oper am GiL' am 14., 15. und 17. März, um 20 Uhr in der Kaue von Auguste Victoria 1/2.

Marler Zeitung, 13.01.1999


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