Die Marler Zeitung über Josephs Traummantel :

 

Traummantel wird zum Souvenir
Ise Schönberg gibt Gil-Oper ab

Leiterin des Ensembles machte die Schule zur Privatsache / 22 engagierte Jahre

MARL. (hpm) "Vielleicht", meint Ise Schönberg, "ist es besser, mit einem Donnerschlag aufzuhören." Der Donnerschlag - das waren drei bravouröse TM-Aufführungen des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals "Josephs Traummantel". Nicht wenige meinen, es sei die beste Produktion der "Oper am GiL" gewesen. Ein Schlußpunkt par excellence. Wie ein Donnerschlag traf es auch Schüler und Lehrer des Gymnasiums im Loekamp, als Ise Schönberg ihren Entschluß bekanntgab, die Leitung der Oper am GiL abzugeben. Einen Nachfolger hat Direktor Rolf Rudert bislang nicht finden können - wer kann Ise Schönberg schon ersetzen?!

Sie hat die Schule zur Privatsache gemacht, hat 15 Produktionen der Oper GiL geleitet, dazu drei Inszenierungen der Stufen 5 und 6. Ihr Berufsethos, sagt sie, würden einige jüngere Kollegen nur belächeln. Die Freizeit opfern für solche Großproduktionen, und das ohne Bezahlung - wer ist dazu schon bereit!
Für Ise Schönberg war es kein Opfer. "Ich bin vielfach belohnt worden für die Zeit, die ich aufgewandt habe", sagt sie. Freundschaften mit Kindern und Eltern, Reisen mit dem Ensemble und die vielen Nachfeiern - das hat ihr ein "Heimatgefühl" gegeben, ein "warmes Nest", das sie nicht missen möchte.
1969 kam sie nach Marl, "als hier der Dreck noch im Kaffee schwamm". Seit sieben Jahren war sie Lehrerin, hatte bereits an ihrer Stuttgarter Schule Theaterstücke mitinszeniert. Der Theater-Enthusiasmus, den sie am Gil weckte, paßte zur Aufbruchstimmung Ende der 60er Jahre. Mit kleinen Schulspielen begann das GiL-Ensemble. 1972, zur Einweihung des neuen Schulgebäudes, führte es die erste Oper auf: "Die Wunderuhr" von Eberhard Werdin. Es folgten 14 weitere GiL-Inszenierungen. Die Aufführung des Musicals "Anatevka" 1986 brachte dem GiL den Sieg beim Bundeswettbewerb "Schulen musizieren" und Ise Schönberg das Bundesverdienstkreuz ein.
Zu jeder Aufführung könnte die Musiklehrerin eine Anekdote erzählen. Zum Beispiel zur Offenbach-Operette "Damen am Markt", mit der das GiL-Ensemble 1984 den großen Sprung auf die TM-Bühne wagte: Recht kleinlaut pries eine Marktfrau bei der ersten Probe ihren "Spinat, Spinat" an - kaum zu hören im 800 Plätze fassenden TM-Saal. "Das schaffen wir nie", fürchteten die Schüler/innen - aber irgendwann gelang es doch. Aus der Händlerin wurde eine Marktschreierin aus den GiL-Amateuren wurden Halbprofis.
Ein wenig traurig wird Ise Schönberg schon, wenn sie an die glanzvollen GiL-Aufführungen zurückdenkt. "Aber organisieren, Verträge unterzeichnen, inszenieren - das geht jetzt über meine Kräfte. Irgendwann ist halt alles mal vorbei." Als sie das sagt, fällt ihr Blick auf den farbenprächtigen Seidenmantel aus der letzten GiL-Produktion, "Josephs Traummantel" - eines ihrer schönsten Souvenirs.

Marler Zeitung, 09.11.1991


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